Der Wahlkampf der anderen Parteien 
Ein Wahlkampfbeitrag von André Brie, Wahlkampfleiter der PDS 
  
Berlin, 12.6.1998
 
Neu auf wahlen-98.de
Kommentar-Archiv
Wahlkämpfe haben - wiewohl Fairness in Stadien in der Regel höher im Kurs zu stehen scheint - auch etwas Sportives. 

Allen Parteien gemein ist das Bemühen, zunächst die eigene Stammwählerschaft an die Urne zu bekommen, sodann unter den Unentschlossenen Stimmen zu akquirieren und schließlich in fremden Revieren zu wildern. Daß es vor allem um die Mobilisierung der Stammwählerschaft geht, demonstriert besonders die Union. Offenkundig ist die CDU davon überzeugt, daß für sie der Osten verloren ist - und deshalb wendet sie sich in auffälliger Weise vorrangig an ihr Westklientel. Rote Socken (1994) und Rote Hände (1998), die bewußt die Ängste vor "dem Kommunismus" schüren, stoßen - wenn überhaupt - nur im Westen auf Resonanz. Die Strategen der Union versuchen, die noch immer vorhandene Grundstimmung populistisch für sich zu nutzen. Es ist wohl kein Zufall, wenn man sich dabei auch bewußt der Bildsprache der 50er Jahre, der Hochzeit des Kalten Krieges, bedient. In ihrem Erscheinungsbild wirkt die Union traditionell und ideenlos. 
  
Anders die SPD, die sich in dieser Hinsicht kreativ, modern, neu gibt. Ihre Plakate beispielsweise entsprechen dem visuellen Charakter unser Zeit, sie sind Teil der bunten, aber eben auch zersplitternden Bilderwelt, in der wir leben. Und hier genau liegt auch die Crux. Indem die Formen des Zeitgeistes bedient werden, übernimmt man auch seinen Inhalt. In diesem Fall: Der Inhalt spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. Es werden kaum noch politische Botschaften vermittelt - entweder gilt bereits eine Person als Programm, oder die Botschaft ist derart abstrahiert, daß sie letztlich nur noch als künstlerische Spielerei erscheint. Man denke nur an die Kürbisplakate. 
  
Bündnis 90/Die Grünen bewegen sich auf ähnlichen Pfaden. Das "Ü" aus dem Parteinamen gleichsam zur Losung zu machen, ist ästhetisch und werberisch genial. Aber: Ein Umlaut ist alles andere denn ein Programm. 
  
Nach meiner Überzeugung dürfen sich Parteien von Werbeagenturen nicht wie Waschpulver verkaufen lassen. Solche Strategien zielen in der Regel mehr auf den Bauch als auf den Kopf. Mündige Wählerinnen und Wähler haben einen Anspruch, mit Intelligenz und Phantasie angesprochen zu werden - die Botschaften müssen jedoch Inhalte befördern. Nicht die Form ist 
das Programm. 

André Brie, PDS
 
 
[ Hauptmenu ] [ Sitemap ]