Schröder auf dem langen Marsch 
Kommentar von Peter Grafe  
Köln, 20.4.1998
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Die Leipziger "Krönungsmesse" ist gerade noch einmal gut gegangen: Nach den bisherigen Erfahrungen hätten niemand den Sozialdemokraten eine solche Inszenierung zugetraut und dieser Überraschungseffekt hielt die Delegierten in Schach und den Spott der Kommentatoren in Grenzen. Sonst war der Versuch, hier Amerika zu spielen, nahe daran, sich in ein komisches Theater zu verwandeln. 
  
Nun aber hat Gerhard Schröder den innerparteilichen Spaziergang hinter sich und eine lange Durststrecke vor sich. Bisher waren die Auseinandersetzungen in der SPD, der Wettbewerb mit Lafontaine und die letzten Widerstände der Linken das Thema der Medien: Wird er es oder wird er es nicht? Das ist entschieden, und folglich ändert sich die Perspektive: Jetzt will man genauer wissen, was es denn bedeuten könnte, wenn die SPD regieren sollte: Werden nur die Reifen gewechselt oder bekommen wir ein besseres Gefährt?  
  
Die "Mediengesellschaft" macht Personen zu Symbolen für Konzepte oder politische Projekte. Schröder hat sich dieser Logik unterworfen und sie für seine Nominierung genutzt wie kein Sozialdemokrat vor ihm. Nun kann er sich auch der Fortsetzung nicht entziehen - und die bedeutet: Er ist als mediales Kunstprodukt ständig von den Launen der öffentlichen Meinung gefährdet und muß in den kommenden Monaten einen erbarmungslosen Glaubwürdigkeitstest durchlaufen. In jeder Talkshow wird nach Wegen und Details gefragt: Was soll eine Steuerreform bringen, um wieviel wird die Energie teurer?  
  
Bei seinen Antworten hat Schröder eine sehr prekäre Balance zu halten: Das Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit befriedigen ohne so konkret zu werden, daß sich in der SPD Widerspruch regt. Die Medien machen das exakte Gegenteil: Sie wollen konkretere Auskünfte und fahnden nach interner Kritik.  
  
Wenn Schöder aber ins Kanzleramt durchmarschiert, wird dies nicht nur eine neue Regierung bringen, sondern auch der Anfang einer neuen SPD sein. Jenen Delegierten, die sich in Leipzig als Teil einer Inszenierung fühlten, ist zuzustimmen: Jede gute Massenszene braucht nun einmal Komparsen. Warum aber regen sie sich darüber auf? 
 
peg 
 
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