Der Kuß des Netzwerks  
Gesellschaft, hör´ Signale: "Frauen wollen eine andere Politik" - Die Kampagne zur Wahl und über die Wahl hinaus / Von Gisela Petersson
Düsseldorf,
26.8.1998
 
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Kennen Sie den? Kommt ein Land selbstbewußt als moderner Industriestaat daher, will elegant eine Kurve ins nächste Jahrtausend hinlegen, global mitmischen und national die gröbsten Probleme in den Griff kriegen - und fällt voll auf den Bauch. Nicht zum Lachen? Das meinen wir auch. Denn welche Gesellschaft verfügt schon über zukunftsfähige Stabilität, wenn ihr ein wesentliches Element des erforderlichen Gleichgewichts fehlt: Die Kraft, die Kompetenz, die Erfahrung, die Lebens- und Arbeitswelt der Frauen. 

Deshalb die Kampagne "Frauen wollen eine andere Politik". Deshalb eine bundesweite Aktion für einen "neuen Gesellschaftsvertrag", in dem Tacheles geredet wird über Umverteilung von Geld, Zeit und Macht. In dem es um die Balance von bezahlter und unbezahlter Arbeit geht, um die ökonomische Selbständigkeit der Frau, um soziale Mindestsicherung, schlicht also um eine Gesellschaft, in der es Spaß macht zu leben und zu arbeiten. Ob Alt oder Jung, Mann oder Frau. Um einen Sozialstaat, in dem Begriffe wie Chancengleichheit oder Gleichberechtigung als mit realem Leben gefüllter Alltag daherkommen. 

Die Kampagne "Frauen wollen eine andere Politik" ist eine Aktion zur Wahl und über den Wahltag hinaus. Angezettelt von Frauen aus Politik, Gewerkschaften, Kirchen, Wissenschaft, aus den Medien, der Kunst, Verbänden und Projekten, will "Frauen wollen eine andere Politik" den Finger in Wunden legen, gesellschaftliche Heilungsprozesse einleiten. 

Wo 50 Prozent aber gesellschaftlich notwendigen Arbeit unbezahlt meist von Frauen geleistet wird, wo 78 Prozent aller Parlamentarier bundesweit Männer sind, wo noch der Virus Ehegatten-Splitting grassiert oder Millionen von Menschen -davon der Löwenanteil Frauen- als sog. ''geringfügig Beschäftigte" malochen oder Frauen für vergleichbare Arbeit nur drei Viertel des männlichen Lohnes erhalten, da kommt eine gleichberechtigte Gesellschaft niemals auf die Beine. 

Mit der Kampagne wollen die Frauen deshalb die Entscheider in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auf Trab bringen, sie aus ihrem Dornröschenschlaf in Sachen Chancengleichheit wachküssen. Der Kuß der bundesweiten Netzwerk-Aktion will längst überfällige Reformen in Gang bringen, für den richtigen Inhalt sensibilisieren, der in den Rucksack für den Weg ins nächste Jahrtausend gehört: Ob soziale Mindestsicherung, selbstbestimmte flexible Arbeitszeitmodelle, quantitative Aufwertung von Teilzeit, EIternurlaub mit Einkommenskompensation oder eine auf Chancengleichheit ausgelegte Steuer-, Arbeitsmarkt- und Ausbildungspolitik. 

Mit der Aktion für eine andere Politik mischen sich Frauen aktiv ein in die Diskussion um Zukunft der Arbeit, Arbeitsumverteilung, über den Umbau des Sozialstaates. Und sie laden die Männer ein, mitzumachen bei der Kampagne, der es um "gleiche Chancen und soziale Gerechtigkeit für Frauen und Männer" geht. Dieter Schulte, Walter Riester, Heiner Geißler oder Joschka Fischer u.a. sind schon dabei bzw. haben Engagement signalisiert. 

Der Count-down zur Bundestagswahl läuft. 31, 8 Millionen Frauen sind wahlberechtigt (28, 8 Millionen männliche Wahlberechtigte). Die Meßlatte für alle Kandidatinnen ist die Kampagne "Frauen wollen eine andere Politik". 

Neugierig geworden? Nähere Information im Koordinierungsbüro: Tel./Fax: 040 - 5317165. 

Gisela Pettersson 
 
 
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