Kraft aus Drohung 
Kommentar von Peter Grafe   
Köln,
31.8.1998
 
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Die CSU ist ein eindrucksvoller Papiertiger: Weil die CDU sich fürchtet,  ist es der kleinen Schwester gelungen, eine viel größere bundespolitische Rolle zu spielen als es ihren Mandaten entspräche. Die geheimnisvolle Stärkung erwächst aus der Drohung mit dem gemeinsamen Untergang: In Konfliktsituationen denken CSU-Politiker immer wieder laut darüber nach, die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU zu kündigen. In den 70er Jahren wurde (in Kreuth) sogar ein entsprechender Beschluß gefällt und erst nach kräftigen Zugeständnissen der CDU wieder aufgehoben. Er hat bei der großen Schwester ein nachhaltiges Trauma hinterlassen.  
  
Nun wurde schon mit der deutschen Vereinigung die Position der CSU geschwächt, da die CDU die ostdeutschen Mandate hinzu bekam - und mit der Bundestagswahl droht neue Gefahr: Folgt eine große Koalition, so haben CDU und SPD zusammen eine sichere absolute Mehrheit; die CSU dürfte zwar mit in den Wagen, wäre aber überflüssig und könnte kaum mit kräftigen Forderungen auftreten.  
  
Der CDU könnte das durchaus gefallen, doch die CSU sperrt sich mit allen Mitteln. Sie möchte daher in Bayern so viele Stimmen auf die Waagschale bringen, daß die Fortsetzung der bisherigen Konstellation möglich bleibt. Als der CSU-Generalsekretär Protzner vor wenigen Wochen der SPD ein Duldungsangebot in Aussicht stellte, war das kein depperter Ausrutscher, sondern ein Versuchsballon auf der Suche nach neuen strategischen Optionen - nicht, um sie wirklich zu nutzen, sondern um mit ihr zu drohen. 
  
Neben der schlichten Rivalität zwischen Stoiber und Waigel, wer die Nummer eins sei (Spieglein, Spieglein...), ist die Frage, wie der bundespolitische Einfluß der CSU zu sichern sei, der tiefe Kern des Konflikts, der immer wieder zwischen der Staatskanzler in München und Teilen der Bundestagsfraktion ausbricht: In bayerischer Dialektik nutzt die Bonner CSU-Truppe die Münchener Konfrontationsbereitschaft, um sich für ihre Friedfertigkeit mit Regierungsämtern "angemessen", d.h. überproportional, entschädigen zu lassen. 
peg
 
 
 
 
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