| Vertan, vertan...
Auszüge aus einer Untersuchung der GPRA - Gesellschaft Public Relations Agenturen e.V. Düsseldorf
/ Frankfurt /Main, 14.9.1998
|
|||
|
1. Der Wahlkampf geht an den Bedürfnissen der Wähler vorbei Die Art und Weise des aktuellen Wahlkampfes läuft an dem nach wie vor vorhandenen Informationsbedürfnis der Wähler vorbei. Die Forderung nach einer (wieder) stärkeren inhaltlichen Ausrichtung politischer Kommunikation hat somit keineswegs lediglich normativen Charakter, sondern liegt im ureigensten Interesse der politischen Akteure selbst.
These 1: Politikverdrossenheit ist in Wirklichkeit Kommunikationsverdrossenheit Zum Kernproblem gerät die Verwechslung
von Form und Inhalt. Es ist ein Irrglaube, die Kraft der Inszenierung allein
reiche aus, um die Wähler zu überzeugen. Das belegt das bestenfalls
mäßige Interesse der Bundesbürger am aktuellen Wahlkampf.
Bei genauer Betrachtung beschreibt das Phänomen der Politikverdrossenheit
keine generelle Abkehr von Politik, sondern von einer „politischen" Kommunikation,
die zunehmend jeglichen Inhalten beraubt ist und die Bedürfnisse der
Bürger mißachtet.
Analog zu der lediglich geringen Wahrnehmung
von allgemeinen Themen werden Parteien und Akteure immer seltener mit konkreten
Positionen und Zielen in Verbindung gebracht - und dies trotz stetig
steigender Kommunikationsausgaben.
Um mehr als nur Wahlkampfargument zu sein, müssen die Mega-Themenfelder, auf denen sich alle Parteien tummeln (Steuern, Rente, Umwelt, Innere Sicherheit), in konkrete Aufgaben und Ziele übersetzt werden. Auf der Plattform von Wahlkampfkommunikation allein kann dies nicht gelingen. 4. Slogans und Parteien werden zunehmend beliebig Unbestritten ist: Um erfolgreich zu sein, braucht Politik Nachrichtenwerte. Dazu gehören natürlich auch Köpfe. Alleine mit ihnen - in diesem Fall mit Helmut Kohl - läßt sich trennscharfes und exklusives Profil aber nicht herstellen. So geht bei den Wählern mit der CDU keine trennscharfe und exklusive Themenassoziation einher. Weil es ihr nicht gelungen ist, wichtige
Teilziele zu definieren und auch Teilerfoge kommunikativ zu inszenieren,
wird der selbsterhobene Reformanspruch zur Alles-oder-nichts-Frage: Die
Union sieht sich den Wählern gegenüber einer Bringschuld ausgesetzt,
während die SPD von der unterstellten Wahrheitsvermutung profitiert,
als neue Kraft alles besser machen zu können. Gerade weil sie nach
der Bundestagswahl 1994 als Reformer angetreten ist, hat die Union auch
auf angestammten Themenfeldern gegenüber der SPD verloren. Einzig
das Feld „innere Sicherheit" kann behauptet werden.
5. Kaum Themen, kaum Profil, kaum Unterschiede - woher resultiert der Vorsprung der SPD? Obwohl es aus Sicht der Wähler kaum
Themen im Wahlkampf gibt und obwohl es dementsprechend keiner Partei gelungen
ist, exklusive Themenfelder zu besetzen, hat die SPD in der Wahrnehmung
Vorteile: Ihr werden überwiegend die dynamischen Begriffe zugeordnet.
So resultieren die Wahlchancen der SPD nicht allein aus ihrer (Inszenierungs-) Leistung, sondern auch und vor allem aus der Profilschwäche ihres Hauptgegners. Anders als bei den letzten Wahlkämpfen (Einheit, Europa) ist es der CDU nicht gelungen, Themenfelder exklusiv zu besetzen. Die Defizite der CDU bei der wahrnehmbaren
Abarbeitung „ihrer" (Reform-) Themen macht die SPD im aktuellen Wahlkampf
zum Taktgeber und wird vielleicht zum wahlentscheidenden Vorteil der Sozialdemokraten.
Der CDU scheint es nicht zu gelingen, ihre Sicht der Dinge an die Wähler
zu bringen. In der Folge muß sie sich den Spielregeln eines durch
die SPD erstmals auch in Deutschland perfekt inszenierten Wahlkampfes beugen.
· Mittel- und langfristiger
Erfolg verlangt klares politisches Profil
Im Gegenteil: Das in Werbeagenturen und
Parteizentrale herrschende Vertrauen in die kurzfristige Wählerbeeinflussung,
verschärft die Inflation von Bildern und „Botschaften" weiter. Wie
das aktuelle Beispiel der CDU zeigt, machen sich die Parteien so in letzter
Konsequenz vor der Qualität oder Ästhetik ihrer Werbekampagnen
abhängig - dies pervertiert aber nicht nur demokratische Prinzipien,
sondern kann zugleich tatsächliche politische Arbeit und hier vorhandene
Teilerfolge konterkarieren.
Die großen Probleme und Themenfelder
selbst lassen kaum noch Profilierungschancen zu: Sie sind inhaltlich zu
komplex, als daß sie an die Wähler vermittelbare Erfolge zulassen.
In Zukunft muß es deshalb darum gehen, den persönlichen Relevanz-
und Nutzengrad von Politik wieder stärker ins Auge zu fassen. Indem
die großen Themen in Programme, die halten können, was sie versprechen,
übersetzt werden, erhöht sich die Chance, sie wählerrelevant
abzuarbeiten und damit zu überzeugen - auch über den nächsten
Wahltermin hinaus.
|
|||
| [ Hauptmenu ] [ Sitemap ] |